Nieder das Kapital!
Die Versammlung war nun vollständig, nachdem mehrere Mitglieder
derselben theils wegen zu mangelhafter Nüchternheit, theils wegen
des Verdachts, dem verachteten Stande der Hauswirthe anzugehören,
hinausgeworfen worden waren. Das Wort "hinausgeworfen" muß dahin
abgemildert werden, daß die Männer zur Thüre geleitet wurden,
was eigentlich dasselbe war, aber in den über diese Verhandlungen
veröffentlichten Zeitungsberichten einen angenehmeren Eindruck machte,
wenn auch nicht auf die betreffenden nicht ungeleitet aus dem Saal entfernten
Volksmänner. Denn diesen that meist immer noch Manches weh, woraus
zur Evidenz hervorgeht, daß das Hinauswerfen und das Geleit zur Thür
sich auch darin vollkommen glichen, daß sie von zielbewußten
Fäusten zur Ausführung gelangten. Ich will damit nur oberflächlich,
wie dies ja auch die ernsten Folgen der unsanften Entfernung waren, andeuten,
daß die Männer, welche zu den betreffenden Versammlungen zusammenzutreten
pflegten, sich in einer ziemlich gereizten Stimmung befanden. Und dies
war begreiflich. Denn der Gegenstand der Tagesordnung, welcher auch heute
wieder einen kolossalen Andrang zu dem Versammlungslokal hervorgerufen
hatte, harrte schon seit Jahren der Erledigung. Immer wieder war er zur
Debatte gestellt, immer wieder hatten die Besten des Bezirks erschöpfend
an ihm herumgesprochen, immer wieder waren solche dieser Besten, welche
sich freventlich zu einer anderen Meinung ermannt hatten, zur Thür
geleitet, immer wieder war eine Resolution gefaßt worden, durch welche
die im Saal des "Blauen Elephanten" versammelten Männer einstimmig
die Herrschaft des Kapitals verwarfen, und noch immer herrschte das doch
so deutlich und so ermüdend oft des Thrones verlustig erklärte
Kapital. Das macht nervös, und diese Männer machte es nervöser
als die Kapitalisten, welche sich allmälig derart daran gewöhnt
hatten, für ihren Besitz zu zittern, daß sie es selbst kaum
noch bemerkten. Wenigstens machten sie diesen Eindruck auf Jeden, der sie
sah, so daß seit Jahren Niemand einen Kapitalisten zu Gesicht bekommen
hatte, welcher augenscheinlich zitterte. Freilich war der Begriff Kapitalist
noch nicht ganz klargestellt. Wer war denn des Kapitals verdächtig?
Wer hatte das compromittirende Gerücht, Kapitalist zu sein, so auf
sich gelenkt, daß ihm das Vergehen nachgewiesen werden konnte? Wem
stand denn das goldene Kalb an der Stirn geschrieben? Die Männer,
welche nun schon seit vielen, vielen Jahren das Kapital und seine Herrschaft
aus der Welt schaffen wollten, hatten noch nicht Zeit gefunden, klipp und
klar zu erklären, wen sie für einen Kapitalisten hielten. Der
scharfe Beobachter merkte nur, daß sie Jeden für einen Kapitalisten
erklärten, der sich ihrem Kampf gegen das Kapital nicht angeschlossen
hatte. Das war auch ziemlich richtig vermuthet. Wer eine Familie oder sich
allein zu ernähren und deshalb keine Zeit hatte, an den Säulen
der Kapitalsherrschaft zu rütteln, wurde Kapitalist gescholten und
war dem bitteren Vorwurf ausgesetzt, sich vom Schweiß der Enterbten
zu mästen. So galten namentlich die Beamten der Post des Städtchens,
welche Abends zu müde waren, um Resolutionen zu beschließen,
oder die unter scharfer Kontrole der Oberpostbehörde standen, für
Kapitalisten, obschon sie absolut nicht daran dachten, der tropfbarflüssigen
Hautausdünstung besagter Enterbten irgend einen Mastkurerfolg zuzuschreiben,
oder auch nur Gelegenheit hatten, solche zu erproben. Auch die noch schulpflichtigen,
oder als Lehrlinge wirkenden jungen Leute, die den Besitz eines Hausschlüssels
noch als das Begehrens- und Erstrebenswertheste betrachteten und bis auf
Weiteres nicht nach zehn Uhr Abends außer dem Hause ihrer Eltern
und Lehrmeister sein durften und daher noch nicht an den Bestrebungen der
Kapitalsgegner theilnehmen konnten, mußten es sich gefallen lassen,
mit den Nabobs in einen goldenen Topf geworfen zu werden. In dieses kostbare
Geschirr mußte ihnen Jeder nachfolgen, der einen anständigen
Rock trug, eine nasenfreundliche Cigarre rauchte und eine Wohnung mit separatem
Eingang innehatte.
Der Saal des "Blauen Elephanten" -- Elephanten sind ja nicht blau, und
dennoch hieß das Etablissement Blauer Elephant, weil der Wirth eines
Tages das schadhaft gewordene Bild des Dickhäuters auf seinem Schild
mit blauer Farbe, die er zufällig besaß, zu einem naturwissenschaftlich
unglaublichen Thier restauriert hatte, -- der Saal des Rüsselbläulings
war so überfüllt, daß keines der Seidel, die auf den Tischen
vor der Rednertribüne voll und leer umherstanden, zur Erde fallen
konnte. Die Mitglieder des Vereins "Weltreform", zu welchem sich der ehemalige
Kegelklub des Städtchens herausgebildet hatte, waren bis auf Wenige,
welche sich durch Untersuchungshaft für entschuldigt halten mußten,
sämmtlich erschienen. Eben war mit Anderen auch der Berichterstatter
des Kreisblattes unter dem unberechtigten Vorwurf, die Reden der Hauptredner
in feindseligem Sinne wiederzugeben, halb zur Thür geleitet und halb
hinausgeworfen worden, als der Leiter der Versammlung, ein unbedingt handfest
aussehender früherer Tischlergeselle, nach mehrmaligen Klingeln, sodaß
die anwesenden Kellner fortwährend "Gleich!" riefen und die Servietten
schwangen, eröffnet worden. Dieser Präsident übertönte
mit einem sonoren Baß, der in der Tiefe das "Doch" des Sarastro mühelos
erreichte, den noch immer tobenden Lärm und ließ die Versammlung
durch den mächtigen Cigarrendampf in die bewährte Tagesordnung
eintreten. Dieselbe lautete: "Die Sünden des Kapitals", und der Präsident
erläuterte kurz die Bedeutung derselben. Immer grauenvoller, so erklärte
er, wüthe die Pest, welche er das gelbe Goldfieber nennen möchte.
(Sehr richtig!) Dem Verderben Einhalt zu gebieten, müsse das Bestreben
der Besten des Volks sein (anhaltender Beifall), und so sei denn auch die
Versammlung anberaumt, um der blutigen Herrschaft des Kapitals (Pfui!)
endlich den Boden abzugraben. Er wisse wohl, daß dies gewissen Leuten
keine angenehme Augenweide biete (Heiterkeit), und er wisse ferner, daß
sich die Heilung der vorhandenen wirthschaftlichen Schäden nicht über
das Knie brechen ließe, (Oho! Unruhe. Glocke des Präsidenten)
aber das dürfe die Mitglieder der "Weltreform" keinenfalls abhalten,
immer und immer wieder die Abschaffung des mörderischen Kapitals zu
erstreben. (Donnernder Beifall.) Nun ertheilte er das Wort dem Genossen
Bummelmann.
Genosse Bummelmann, früher Kassenbote und durch unaufgeklärt
gebliebene Additionsfehler in die behagliche Stellung eines Schankwirths
gedrängt, trinkt rasch sein Bier aus und bricht sich Bahn an das Rednerpult.
Er ist ein Mann in den besten Jahren und macht keinen Anspruch darauf,
vertrauenserweckend auszusehen. Dagegen macht er den Eindruck, daß
man nicht in ernste Differenzen mit ihm gerathen möchte. Ferner genießt
er, seit er, schwerer Körperverletzung angeklagt und wegen mangelnder
Beweise freigesprochen, allgemeine Achtung.
"Genossen," ruft er, "wo war ich doch das letzte Mal stehen geblieben?
Richtig, bei den Mitteln, mit denen wir dem Kapital auf die Bude rücken
müssen. Müssen! Haben Sie mich verstanden, Genossen? (Ja! Nein!)
Denn es geht nicht länger so weiter. Daß das Kapital abgeschafft
werden muß, darüber sind wir uns ja einig, und das ist auch
bereits beschlossen, und so wollen wir denn den alten Kohl nicht nochmals
aufwärmen. Dadurch wird er ja auch nicht besser, oder fetter, oder
sonst was. (Bravo!) Alter Kohl bleibt alter Kohl. (Sehr richtig!) Das Kapital
ist die Reblaus in unserem Weinberg. Raus also mit dem verderblichen Insekt!
(Rufe: Raus!) Wenn wir das Kapital fest anfassen, dann können es alle
Gänse der Welt nicht retten. (Anhaltender Beifall. Ein Anwesender
ruft: Capitol! und wird zur Thür begleitet.) Genossen! Eins der sichersten
Mittel, das Kapital endlich unschädlich zu machen, ist die Abschaffung
des Erbrechts. (Jubel.) Was ist das Erbrecht? Erbrecht ist, daß Jemand
Millionen ansammelt, dann in seinem seidenen Bett und zwischen elektrischen
Flammen stirbt und nun den ganzen Raub an die Erben fallen läßt,
damit diese sich in den Kassenscheinen, Hypotheken, Wechseln und Baarbeständen
herumwälzen. (Hört! Hört!) Da verlange ich denn, daß
alle Erbschaften, besonders die großen, an den Zukunftsstaat fallen
und an die von dem Erblasser bestohlenen Proletarier zurückbezahlt
werden sollen. (Anhaltender Beifall.) Ja, Genossen, zurückbezahlt,
denn die Reichen erben unser Geld, unsere wohlerworbenen, durch harte Arbeit
geschafften Millionen. (Sehr wahr!) Wir müssen also nicht bloß
immer rufen: Nieder das Kapital! sondern auch: Nieder das Erb--"
Genosse Bummelmann wir hier leider unterbrochen, indem seine Frau im
Saal erschienen ist und sich nun als eine überaus robuste Lebensgefährtin
durch die Menge eine Gasse bahnt, unbekümmert um das Schelten der
zur Seite gequetschten Bürger des Zukunftsstaates.
Jetzt steht Frau Bummelmann neben ihrem Gatten, dem sie zuflüstert:
"Denk' Dir bloß das Glück, Willem, wir haben ein Zehntel vom
großen Loos gewonnen."
Der unterbrochene Redner wankt einen Augenblick, dann sagt er: "Donnerwetter,
aber rede doch leise, Rieke, sonst werden wir ja furchtbar angepumpt. Wie
viel macht es denn?"
"Ueber vierzig Tausend Mark!" antwortet ihm die athemlose Gattin.
"Na schön," sagt Bummelmann, "ich komme gleich mit nach Hause."
Dann wendet er sich in seiner Eigenschaft als Genosse wieder an die durch
den Zwischenfall sehr unruhig gewordene Versammlung, welche Zeugin einer
häuslichen Scene zu sein glaubte, indem sie annahm, der Genosse werde
von seiner Frau wegen seines Herumtreibens in den Versammlungen zur Rede
gestellt. Und schon hört man rufen: "Pantoffelknecht! Ehesklave! Pfui!"
als Herr Bummelmann wieder das Wort ergreift.
"Genossen! Seien Sie nicht böse, mein Kind ist krank, und ich soll
nach Hause kommen. Ich will also nur noch hinzufügen: Natürlich
ist es leicht gesagt: Nieder das Kapital! Nieder das Erbrecht! Aber ist
es auch gerecht? Nein! (Oho!) Nein, Genossen, ohoen Sie, soviel Sie wollen,
gerecht ist es nicht, es ist dumm. (Tumult.) Denn wenn ich etwas Geld besitze
und es kommt so ein Faulenzer und sagt: "Her damit!" oder sagt zu meiner
Frau und zu meinem kranken Kind, wenn ich gestorben bin: "Her damit!" dem
werde ich mir erlauben, eins auf den Kopf zu geben und dann wird ihm das
Her damit! schon vergehen. (Neuer Tumult. Rufe: Raus! Raus!) Ich gehe gleich,
Genossen, aber was mein ist, das ist mein, sonst muß ich verhungern,
und ohne Kapital kein Leben, keine Industrie, Nichts! Wer das bestreitet,
der ist ein --"
Augenscheinlich will kein Mitglied der Versammlung wissen, was er ist,
und sei dies auch die Auskunft eines so verehrten Genossen, wie des Herrn
Bummelmann, der unter den immer stärker werdenden Rufen: Raus! Raus!
mir seiner Gattin den Saal des "Blauen Elephanten" verläßt.
Und als das glückliche Paar den Saal längst verlassen hatte,
tobte daselbst immer noch das "Raus!" der entrüsteten Genossen und
die Glocke des Präsidenten.