Julius Stettenheim (1831-1916)


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Nieder das Kapital!

 

 

Die Versammlung war nun vollständig, nachdem mehrere Mitglieder derselben theils wegen zu mangelhafter Nüchternheit, theils wegen des Verdachts, dem verachteten Stande der Hauswirthe anzugehören, hinausgeworfen worden waren. Das Wort "hinausgeworfen" muß dahin abgemildert werden, daß die Männer zur Thüre geleitet wurden, was eigentlich dasselbe war, aber in den über diese Verhandlungen veröffentlichten Zeitungsberichten einen angenehmeren Eindruck machte, wenn auch nicht auf die betreffenden nicht ungeleitet aus dem Saal entfernten Volksmänner. Denn diesen that meist immer noch Manches weh, woraus zur Evidenz hervorgeht, daß das Hinauswerfen und das Geleit zur Thür sich auch darin vollkommen glichen, daß sie von zielbewußten Fäusten zur Ausführung gelangten. Ich will damit nur oberflächlich, wie dies ja auch die ernsten Folgen der unsanften Entfernung waren, andeuten, daß die Männer, welche zu den betreffenden Versammlungen zusammenzutreten pflegten, sich in einer ziemlich gereizten Stimmung befanden. Und dies war begreiflich. Denn der Gegenstand der Tagesordnung, welcher auch heute wieder einen kolossalen Andrang zu dem Versammlungslokal hervorgerufen hatte, harrte schon seit Jahren der Erledigung. Immer wieder war er zur Debatte gestellt, immer wieder hatten die Besten des Bezirks erschöpfend an ihm herumgesprochen, immer wieder waren solche dieser Besten, welche sich freventlich zu einer anderen Meinung ermannt hatten, zur Thür geleitet, immer wieder war eine Resolution gefaßt worden, durch welche die im Saal des "Blauen Elephanten" versammelten Männer einstimmig die Herrschaft des Kapitals verwarfen, und noch immer herrschte das doch so deutlich und so ermüdend oft des Thrones verlustig erklärte Kapital. Das macht nervös, und diese Männer machte es nervöser als die Kapitalisten, welche sich allmälig derart daran gewöhnt hatten, für ihren Besitz zu zittern, daß sie es selbst kaum noch bemerkten. Wenigstens machten sie diesen Eindruck auf Jeden, der sie sah, so daß seit Jahren Niemand einen Kapitalisten zu Gesicht bekommen hatte, welcher augenscheinlich zitterte. Freilich war der Begriff Kapitalist noch nicht ganz klargestellt. Wer war denn des Kapitals verdächtig? Wer hatte das compromittirende Gerücht, Kapitalist zu sein, so auf sich gelenkt, daß ihm das Vergehen nachgewiesen werden konnte? Wem stand denn das goldene Kalb an der Stirn geschrieben? Die Männer, welche nun schon seit vielen, vielen Jahren das Kapital und seine Herrschaft aus der Welt schaffen wollten, hatten noch nicht Zeit gefunden, klipp und klar zu erklären, wen sie für einen Kapitalisten hielten. Der scharfe Beobachter merkte nur, daß sie Jeden für einen Kapitalisten erklärten, der sich ihrem Kampf gegen das Kapital nicht angeschlossen hatte. Das war auch ziemlich richtig vermuthet. Wer eine Familie oder sich allein zu ernähren und deshalb keine Zeit hatte, an den Säulen der Kapitalsherrschaft zu rütteln, wurde Kapitalist gescholten und war dem bitteren Vorwurf ausgesetzt, sich vom Schweiß der Enterbten zu mästen. So galten namentlich die Beamten der Post des Städtchens, welche Abends zu müde waren, um Resolutionen zu beschließen, oder die unter scharfer Kontrole der Oberpostbehörde standen, für Kapitalisten, obschon sie absolut nicht daran dachten, der tropfbarflüssigen Hautausdünstung besagter Enterbten irgend einen Mastkurerfolg zuzuschreiben, oder auch nur Gelegenheit hatten, solche zu erproben. Auch die noch schulpflichtigen, oder als Lehrlinge wirkenden jungen Leute, die den Besitz eines Hausschlüssels noch als das Begehrens- und Erstrebenswertheste betrachteten und bis auf Weiteres nicht nach zehn Uhr Abends außer dem Hause ihrer Eltern und Lehrmeister sein durften und daher noch nicht an den Bestrebungen der Kapitalsgegner theilnehmen konnten, mußten es sich gefallen lassen, mit den Nabobs in einen goldenen Topf geworfen zu werden. In dieses kostbare Geschirr mußte ihnen Jeder nachfolgen, der einen anständigen Rock trug, eine nasenfreundliche Cigarre rauchte und eine Wohnung mit separatem Eingang innehatte.

Der Saal des "Blauen Elephanten" -- Elephanten sind ja nicht blau, und dennoch hieß das Etablissement Blauer Elephant, weil der Wirth eines Tages das schadhaft gewordene Bild des Dickhäuters auf seinem Schild mit blauer Farbe, die er zufällig besaß, zu einem naturwissenschaftlich unglaublichen Thier restauriert hatte, -- der Saal des Rüsselbläulings war so überfüllt, daß keines der Seidel, die auf den Tischen vor der Rednertribüne voll und leer umherstanden, zur Erde fallen konnte. Die Mitglieder des Vereins "Weltreform", zu welchem sich der ehemalige Kegelklub des Städtchens herausgebildet hatte, waren bis auf Wenige, welche sich durch Untersuchungshaft für entschuldigt halten mußten, sämmtlich erschienen. Eben war mit Anderen auch der Berichterstatter des Kreisblattes unter dem unberechtigten Vorwurf, die Reden der Hauptredner in feindseligem Sinne wiederzugeben, halb zur Thür geleitet und halb hinausgeworfen worden, als der Leiter der Versammlung, ein unbedingt handfest aussehender früherer Tischlergeselle, nach mehrmaligen Klingeln, sodaß die anwesenden Kellner fortwährend "Gleich!" riefen und die Servietten schwangen, eröffnet worden. Dieser Präsident übertönte mit einem sonoren Baß, der in der Tiefe das "Doch" des Sarastro mühelos erreichte, den noch immer tobenden Lärm und ließ die Versammlung durch den mächtigen Cigarrendampf in die bewährte Tagesordnung eintreten. Dieselbe lautete: "Die Sünden des Kapitals", und der Präsident erläuterte kurz die Bedeutung derselben. Immer grauenvoller, so erklärte er, wüthe die Pest, welche er das gelbe Goldfieber nennen möchte. (Sehr richtig!) Dem Verderben Einhalt zu gebieten, müsse das Bestreben der Besten des Volks sein (anhaltender Beifall), und so sei denn auch die Versammlung anberaumt, um der blutigen Herrschaft des Kapitals (Pfui!) endlich den Boden abzugraben. Er wisse wohl, daß dies gewissen Leuten keine angenehme Augenweide biete (Heiterkeit), und er wisse ferner, daß sich die Heilung der vorhandenen wirthschaftlichen Schäden nicht über das Knie brechen ließe, (Oho! Unruhe. Glocke des Präsidenten) aber das dürfe die Mitglieder der "Weltreform" keinenfalls abhalten, immer und immer wieder die Abschaffung des mörderischen Kapitals zu erstreben. (Donnernder Beifall.) Nun ertheilte er das Wort dem Genossen Bummelmann.

Genosse Bummelmann, früher Kassenbote und durch unaufgeklärt gebliebene Additionsfehler in die behagliche Stellung eines Schankwirths gedrängt, trinkt rasch sein Bier aus und bricht sich Bahn an das Rednerpult. Er ist ein Mann in den besten Jahren und macht keinen Anspruch darauf, vertrauenserweckend auszusehen. Dagegen macht er den Eindruck, daß man nicht in ernste Differenzen mit ihm gerathen möchte. Ferner genießt er, seit er, schwerer Körperverletzung angeklagt und wegen mangelnder Beweise freigesprochen, allgemeine Achtung.

"Genossen," ruft er, "wo war ich doch das letzte Mal stehen geblieben? Richtig, bei den Mitteln, mit denen wir dem Kapital auf die Bude rücken müssen. Müssen! Haben Sie mich verstanden, Genossen? (Ja! Nein!) Denn es geht nicht länger so weiter. Daß das Kapital abgeschafft werden muß, darüber sind wir uns ja einig, und das ist auch bereits beschlossen, und so wollen wir denn den alten Kohl nicht nochmals aufwärmen. Dadurch wird er ja auch nicht besser, oder fetter, oder sonst was. (Bravo!) Alter Kohl bleibt alter Kohl. (Sehr richtig!) Das Kapital ist die Reblaus in unserem Weinberg. Raus also mit dem verderblichen Insekt! (Rufe: Raus!) Wenn wir das Kapital fest anfassen, dann können es alle Gänse der Welt nicht retten. (Anhaltender Beifall. Ein Anwesender ruft: Capitol! und wird zur Thür begleitet.) Genossen! Eins der sichersten Mittel, das Kapital endlich unschädlich zu machen, ist die Abschaffung des Erbrechts. (Jubel.) Was ist das Erbrecht? Erbrecht ist, daß Jemand Millionen ansammelt, dann in seinem seidenen Bett und zwischen elektrischen Flammen stirbt und nun den ganzen Raub an die Erben fallen läßt, damit diese sich in den Kassenscheinen, Hypotheken, Wechseln und Baarbeständen herumwälzen. (Hört! Hört!) Da verlange ich denn, daß alle Erbschaften, besonders die großen, an den Zukunftsstaat fallen und an die von dem Erblasser bestohlenen Proletarier zurückbezahlt werden sollen. (Anhaltender Beifall.) Ja, Genossen, zurückbezahlt, denn die Reichen erben unser Geld, unsere wohlerworbenen, durch harte Arbeit geschafften Millionen. (Sehr wahr!) Wir müssen also nicht bloß immer rufen: Nieder das Kapital! sondern auch: Nieder das Erb--"

Genosse Bummelmann wir hier leider unterbrochen, indem seine Frau im Saal erschienen ist und sich nun als eine überaus robuste Lebensgefährtin durch die Menge eine Gasse bahnt, unbekümmert um das Schelten der zur Seite gequetschten Bürger des Zukunftsstaates.

Jetzt steht Frau Bummelmann neben ihrem Gatten, dem sie zuflüstert: "Denk' Dir bloß das Glück, Willem, wir haben ein Zehntel vom großen Loos gewonnen."

Der unterbrochene Redner wankt einen Augenblick, dann sagt er: "Donnerwetter, aber rede doch leise, Rieke, sonst werden wir ja furchtbar angepumpt. Wie viel macht es denn?"

"Ueber vierzig Tausend Mark!" antwortet ihm die athemlose Gattin.

"Na schön," sagt Bummelmann, "ich komme gleich mit nach Hause." Dann wendet er sich in seiner Eigenschaft als Genosse wieder an die durch den Zwischenfall sehr unruhig gewordene Versammlung, welche Zeugin einer häuslichen Scene zu sein glaubte, indem sie annahm, der Genosse werde von seiner Frau wegen seines Herumtreibens in den Versammlungen zur Rede gestellt. Und schon hört man rufen: "Pantoffelknecht! Ehesklave! Pfui!" als Herr Bummelmann wieder das Wort ergreift.

"Genossen! Seien Sie nicht böse, mein Kind ist krank, und ich soll nach Hause kommen. Ich will also nur noch hinzufügen: Natürlich ist es leicht gesagt: Nieder das Kapital! Nieder das Erbrecht! Aber ist es auch gerecht? Nein! (Oho!) Nein, Genossen, ohoen Sie, soviel Sie wollen, gerecht ist es nicht, es ist dumm. (Tumult.) Denn wenn ich etwas Geld besitze und es kommt so ein Faulenzer und sagt: "Her damit!" oder sagt zu meiner Frau und zu meinem kranken Kind, wenn ich gestorben bin: "Her damit!" dem werde ich mir erlauben, eins auf den Kopf zu geben und dann wird ihm das Her damit! schon vergehen. (Neuer Tumult. Rufe: Raus! Raus!) Ich gehe gleich, Genossen, aber was mein ist, das ist mein, sonst muß ich verhungern, und ohne Kapital kein Leben, keine Industrie, Nichts! Wer das bestreitet, der ist ein --"

Augenscheinlich will kein Mitglied der Versammlung wissen, was er ist, und sei dies auch die Auskunft eines so verehrten Genossen, wie des Herrn Bummelmann, der unter den immer stärker werdenden Rufen: Raus! Raus! mir seiner Gattin den Saal des "Blauen Elephanten" verläßt.

Und als das glückliche Paar den Saal längst verlassen hatte, tobte daselbst immer noch das "Raus!" der entrüsteten Genossen und die Glocke des Präsidenten.