Julius Stettenheim (1831-1916)


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Schillers Taucher

 

 

Das Vorliegende ist nicht mein geistiges Eigentum. Ich schmücke mich, aufrichtig gesagt, nicht gern, aber am allerwenigsten mit fremden Federn. Ich sage mir: Wenn die fremden Federn sehr kostbar sind, dann sieht gleich jeder, dass sie mir nicht gehören und dass ich ein eitler Thor sei, und wenn es gewöhnliche Federn sind, Alltagsfedern, oder gar getragene, so sind sie erst recht nichts für mich, da ich deren selbst in Hülle und Fülle besitze. Das Vorliegende hat mir jemand erzählt, ohne zu ahnen, dass ich eine Tages um einen Stoff verlegen und dann so glücklich sein würde, mich seiner Erzählung zu erinnern. Dies geschah auch heute, indem ich wie immer, wenn ich nicht recht weiss, was ich schreiben soll, ein Notizbuch aufschlug und darin die Bemerkung "Schillers Taucher" fand. Zuvörderst ging es mir wie dem König Philipp, als er nach Schillers Angabe Namen auf seiner Schreibtafel fand ohne Erwähnung des Verdienstes, dem sie den Platz auf dieser Tafel dankten. Erst nach einigem Nachdenken fiel mir ein, dass mich das Wort oder besser der Balladentitel an die Erzählung eines Bekannten erinnern sollte, welche nach meiner Meinung wert gewesen war, einmal wiederholt zu werden, un in dieser Meinung bestärkte mich die peinliche Stoffnot, in die ich heute geraten war. Auch diese Not bricht Eisen, und ohne Bedenken entschloss ich mich denn zu der vielleicht nicht einwandfreien That, die Erzählung des Tauchers zu einem Feuilleton zu verwenden.

Also denke dir, begann der Erzähler, dessen Namen ich natürlich verschweige, denke dir, wie es mir ergangen ist. Da ich eine groesse Uebung im Tauchen besass, so hatte ich mich auch das zweite Mal entschlossen, den Becher, welchen der König auf Grund eines sehr lockenden Versprechens wieder in den Strudel geschleudert hatte, herauszuholen. Nämliche Seine Majestät hatte bekanntlich in seiner unendlichen Leutseligkeit, die ihn so allgemein beliebt gemacht hat, versprochen, dass ich die Prinzessin zur Frau bekommen sollte, wenn ich den Becher abermals zur Stelle schaffen würde. Sie hatte den König gebeten, das grausame Spiel genug sein zu lassen, als er geruhte, sich nicht mit einem einmaligen Taucherkunststück zu begnügen. Die Prinzessin war ein sehr schönes Mädchen von untadelhafter Gestalt und ebensolcher Apanage, ich ein unbemittelter Knappe, ein sogenannter Edelknecht, der nicht mehr als das Tauchen gelernt und nun Aussicht hatte, in die königliche Familie hineinzuheiraten, und ich besann mich nicht lange. Ich sah meinen künftigen königlichen Schwiegervater an, der den Eindruck machte, dass er nicht spasste, warf einen Blitz aus meinen Augen auf seine liebreizende Tochter, die wenn alles gut ablief, meine Frau werden sollte, und sprang ins Wasser. Jeder halbwegs tüchtige Taucher hätte dasselbe gethan, ohne sich lange nach einem Rettungsball und ähnlichen Einrichtungen zur Rettung Ertrinkender umzuthun. Ich dachte nur: Dem Mutigen gehört die Welt, tauchte unter, ergriff den Becher und machte, dass ich wieder nach oben kam. Der König nahm mir den Becher -- er steht jetzt im Museum -- aus der Hand, führte mich zu seiner Tochter und Bums! war ich der Schwiegersohn Sr. Majestät. Dass der König und die Prinzessin in die größte Verlegenheit geraten waren und nicht sehr vergnügt aussahen, wurde mir später mitgeteilt. Ich merkte natürlich in meinem sogenannten Glück nichts. Bald aber kam ich dahinter, dass ich eigentlich Pech gehabt hatte und klug gewesen wäre, wenn ich mich vor dem verdammten Tauchen das zweite Mal gedrückt haben würde! Kurz, ich hat mir ein Glück ertaucht, das, bei Licht besehen, keines war.

In den Flitterwochen ging's ja passabel. Ich hatte mit Ihrer königlichen Hoheit die Hochzeitsreise angetreten, und da wir inkognito reisten, so genierte mich der Hof weiter nicht. Das Einzige, was mich langweilte, war, dass ich, weil ich, wie schon erwähnt, eigentlich nur tauchen konnte, überall, wo es zu bewerkstelligen war, vor meiner hohen Gattin Taucherkunststücke machen musste, was in den Flitterwochen gerade nicht zu den amüsantesten Unterhaltungen gehört. Denn das Wasser ist immer kalt, das ewige Ausziehen, Abtrocknen und Anziehen immer langweilig, und obschon ich meiner Frau längst gesagt hatte, dass sie jetzt alle meine Wasserkunststücke kannte und dasss mir nichts neues einfiele, und obgleich ich den Aufenthalt in der Nähe eines Ufers möglichst vermied, so hörte ich doch, sowie unsere Unterhaltung einen Augenblick stockte, immer den Befehl: Tauchen! Es war wirklich nicht mehr schön. Und wenn ich mich in einem unbewachten Moment sträubte und meiner Gemahlin sagte, königliche Hoheit sollten doch freundlichst bedenken, dass ich aus dem Schnupfen gar nicht mehr herauskäme und schon den Rheumatismus in allen Gliedern spürte, so erinnerte sie mich mit harten Worten daran, dass sie doch mir zu Liebe eine Mesalliance geschlossen habe, dass sie die Auswahl unter zwei Dutzend Prinzen gehabt hätte, dass ich, wenn sie nicht gewesen wäre, irgend eine Krämerstochter oder die verschuldete Witwe eines Raubritters zur Frau bekommen haben würde, und dass ich, wie alle Taucher, höchst undankbar sei. Dann schmiss sie in ihrem Zorn alle Becher, deren sie habhaft werden konnte, auf die Erde, weil die Becher, wie sie sagte, sie an ihre Uebereilung erinnerten. Natürlich beeilte ich mich dann, sofort mein Badekostüm anzuziehen, mit meiner königlichen Frau ans Ufer zu gehen und vor ihren hohen Augen ein Stündchen zu tauchen. Je länger ich unter Wasser blieb, desto lieber war es ihr. Das waren meine Flitterwochen! Ich will den naheliegenden Witz, dass sie mir halb zu Wasser wurden, nicht reissen, aber traurig ist es doch, einen grossen Teil der Flitterwochen im Bette des Meeres zubringen zu müssen.

Aber mein eigentliches Leiden fing doch erst an, als ich mit meiner Prinzessin in die Residenz zurückkehrte. Ich merkte sofort, dass ich als Familienmitglied zweiter Klasse betrachtet wurde. Gleich während der ersten Tafel wurde ich nicht wie ein waschechter Prinz behandelt. So z. B. setzte man mich neben den Minister der Marine, der mit mir über einen Posten sprechen sollte, der eigens für mich geschaffen war. Ich sollte als Kommandant einer königlichen Taucherkompagnie etwa zwei Monate jährlich von der Hauptstadt abwesend sein, um mich mit der Flotte auf verschiedenen Meeren aufzuhalten. Als ich erklärte, mich nicht dazu entschliessen zu können, sagte der Minister: "Aber Sie können doch unmöglich auf dem Festland müssiggehen!" Warum nicht?

Der Hofnarr -- damals gab es zum Glück nur einen -- war unerschöpflich in überflüssigen Bemerkungen. Als ich einmal einen Becher ergriff und ihn zum Munde führte, sagte der elende Kerl: "Ei, in dem Becher ist ja kein Wasser," und die Schranzen lachten, dass mir das Trinken verging. Natürlich verfluchte ich oft die Kunst des Tauchens, da sie mir wohl eine hochgeborene Gattin, aber zugleich so viele unerträgliche Qualen eingetragen hatte. Zum Glück bin ich wenigstens darin allen über, und es könnte mir also auf diesem Spezialgebiete nichts geschehen. Fortwährend nämlich musste ich das Becherholen machen. Namentlich mein königlicher Schwiegervater, die Prinzen und übrigen Hofchargen waren unermüdlich bemüht, einen goldenen Becher in der Charybde Geheul zu werfen, worauf ich dem Becher nachspringen musste, ich merkte aber bald, dass sie hofften, einmal würde ich doch nicht wiederkommen, und dann waren sie mich los. Ich that ihnen aber den Gefallen nicht, obschon ich mich, aufrichtig gemeint, unter den stachlichten Rochen, den Klippenfischen, den Hammern und den Haien, des Meeres Hyänen, nicht viel schlimmer befunden habe, als unter diesen adelsstolzen und stammbäumigen Junkern und hochmütigen und unhöflichen Hofdamen, von meiner königlichen Familie ganz zu schweigen, die mir wünschte, hundert Jahre alt zu werden, aber gleich. Sie liess mich unausgesetzt tauchen, oder auch an ritterlichen Spielen teilnehmen, bei denen ich tödlich verwundet oder erschlagen oder totgespiesst werden konnte.

Endlich beklagte ich mich einmal bei meinem Schwiegerkönig über diese niederträchtige Behandlung an seinem Hof. Er aber verbot mir bei seinem Zorn jede Klage, oder er würde mir eines mit dem Scepter über den Kopf geben, dass ich in Ungnade fiele. "Auch noch beklagen," riefen Se. Majestät. "Das wäre eine Nummer! Das wünsche Ich Mir zum Allerhöchsten Geburtstag! Warum warst du auch damals so aufdringlich? Ich habe dich nicht gerufen, dem Becher nachzuspringen. Allerdings hatte Ich Mein königliches Wort gegeben, dem, der Mir den teuren Becher wiederbrächte, die Hand Meiner Tochter zu reichen. Man hält doch die Allerhöchste Person des Königs nicht bei einem Wort, das Er im Glauben gegeben hat, dass der nachspringende Knappe ertrinken würde! Aber so seid ihr Niedriggeborenen, immer eigennützig und gewinnsüchtig. Na, es war Mir eine Warnung, und es soll Mir nicht wieder passieren. Wenn Ich einmal wieder ein Becherpreiswerfen veranstalte, dann sage Ich gleich dabei:

Wer mir den Becher kann wieder zeigen,
Der nennt 5000 Thaler sein eigen."

Das ging mir doch über den Spass. Ich fragte Se. Majestät, was ihm denn eingefallen sei, und versetzte ihm einen so lauten Schlag, dass ich erwachte. Es war ein böser Traum gewesen.

Aber der böse Traum hat dem armen Kerl nicht viel genützt. Er hat später ein adliges Fräulein geheiratet, welches sehr stolz war, ihn von oben herab behandelte und zwei Jahre nach der Hochzeit mit seinem Vermögen und einem Herrn Von durchging.