Die einkaufende Frau.
Haben sich die geschätzten Leser schon einmal die Mühe gegeben,
den Commis in einem Modemagazin zu beobachten? d. h. beobachtet im wahren
Sinne des Wortes. Nicht leichthin, nicht oberflächlich, sondern gründlich,
nachdenklich, gelehrt? Etwa wie Virchow eine Trichine, wie ein Mineralog
einen Petrefacten anschaut?
Denn zwischen anschauen und anschauen ist ein Unterschied, wie zwischen
dem Orpheus von Gluck und dem Orpheus von Offenbach.
Wenn ich einen meiner Leser frage: Was ist ein Commis in einem Modemagazin?
so muß ich fürchten, daß einer meiner Leser die Achsel
zuckt und antwortet: Nun, ein Commis in einem Modemagazin ist ein Commis
in einem Modemagazin.
Ich würde diese Antwort tief beklagen. Sie wäre mir ein neuer
Beweis dafür, daß die Alltäglichkeit einer Erscheinung
stets der Erkenntniß hindernd entgegentritt, und daß der gewöhnliche
Mensch den Commis in einem Modemagazin betrachtet, wie einen Stern am Firmament,
eine Warze auf der Nase, einen Thautropfen im Blumenkelch.
Man sieht das zu oft, und so werden die räthselhaftesten Dinge
gewöhnlich. Der Mensch sieht einen Berg, aber er kümmert sich
nicht darum, daß hinter dem Berge auch noch Menschen wohnen.
Der Commis in einem Modemagazin ist solche ein Berg. Hinter ihm ist
ein Mensch zu finden.
Ein Mensch, den man anstaunen, bewundern muß.
Männer finden in dem Commis eines Modemagazins einen Commis wie
jeden andern Kaufmann. Einen allezeit freundlichen, zuvorkommenden, sonntäglich
gekleideten jungen Mann mit sorgfältig gepflegten Händen, einem
gewichsten Schnurrbart, colossalen Manschettenknöpfen mit unleserlich
verschlungenen Initialen, und einer unglaublichen Cravatte. Männern
gegenüber ist er auch nicht außergewöhnlich. Er legt ihnen
Waaren vor, sagt ihnen die Preise, macht einige vortreffliche Bemerkungen
über das stille Geschäft, stemmt seine beiden Hände, wie
der rhodäische Colossus die Beine, auf den Ladentisch und macht, was
gemacht werden kann.
Wenn ich aber sehe, wie der Commis in einem Modemagazin mit der weiblichen
Kundschaft umzugehen versteht, ohne die Geduld zu verlieren, so bin ich
ihm das Geständniß schuldig, daß ich ihn bewundere.
Denn eine Berlinerin ist beim Einkaufen der böse Dämon eines
Modemagazins. Sie betrachtet den Ladentisch als die Folterbank, auf der
das unglückliche Opfer der weiblichen Inquisition lächelnd alle
erdenklichen Arten der herzlosesten Quälereien aushält, um sich
noch irgend ein verborgenes Stück Seide, oder einen halben Groschen
per Elle abpressen zu lassen.
Wenn Kotzebue sagt: "Sanft sind die Weiber alle, aber nur außer
dem Hause", so hat er vielleicht die Berlinerinnen in den Läden beobachtet.
Es ist erstaunlich, zu welchen Grausamkeiten eine sonst gutmüthige,
liebenswürdige Frau durch den Anblick von Kleider- und anderen Stoffen
verleitet werden kann! Man sieht ihr auf der Straße keine bösen
Absichten an. Ihr Blick ist sanft, ihre Haltung ruhig. Aber ein Modemagazin
wirkt auf sie wie Wasser auf eine Zauberphotographie. Es tritt ein Bild
hervor, welches wir vorher nicht geahnt haben, ein Bild, welches uns an
die Frau erinnert, die in der Goethe'schen Hexenküche durch die Flamme
des Schornsteins herabfährt und die anwesenden Gäste verbrennen
will. Kaum ist die Dame eingetreten, so scheint sie ganz plötzlich
wie nach einem hastigen Schluck Lethewasser vergessen zu haben, was sie
eigentlich in den Laden geführt hat. Sie -- der weiblich gewordene
Hans Styx -- vermag daher auf die Frage des Commis, was sie wünsche,
nur eine höchst unverständliche, verschwommene Antwort zu geben.
Sie macht allerdings ein Geständniß, aber wie ein verstockter
Verbrecher nimmt sie dies im entscheidenden Augenblick zurück, so
daß die Untersuchung auf's Neue eröffnet werden muß. Der
Commis thut dies mit Resignation, an alle Entsetzlichkeiten gewöhnt
etwa wie ein Aal, von dem die Fischfrauen behaupten, das Geschundenwerden
bei lebendigem Leibe mache bei dem armen Thiere weiter keinen erheblichen
Eindruck, weil "der Aal es nicht anders wüßte". Der Commis in
einem Modemagazin hat entschieden etwas vom Aal in seinem Wesen. Wie dieser
zeichnet er sich durch schlanke Form und schnelle zierliche Wendungen aus.
Am Tage hält er sich im Schlamme süßer Unterhaltung auf,
sein Leben ist sehr zähe, und wenn ihm die Kundschaft das Herz herausreißt,
so lebt er ruhig fort, indem er sagt: "Wie lange haben wir Sie nicht mehr
gesehen!" Er bemüht sich also, die geheimsten Gedanken der ihn quälenden
Berlinerin dadurch herauszulocken, daß er den ganzen Vorrath von
Manufacturwaaren, der sich im Laden befindet, vor ihr ausbreitet, jedes
Stück öffnet, die Vorzüge desselben hervorhebt, und dabei
ein so freundliches Gesicht macht, als sei er von der Dame auf einen Löffel
Schildkrötensuppe eingeladen.
Aber die Berlinerin bleibt völlig kalt. Alle Schätze der Sammet-
und Seidefabrication entlocken ihr keinen Ton der Bewunderung. Sie wühlt
in ihnen umher wie ein Anatom in den Eingeweiden einer Leiche. Sie erschöpft
Stunden lang den Vorrath des Magazins und frägt mit entsetzlicher
Kaltblütigkeit: Ist das Alles? Das Sprüchwort "Wer die Wahl hat,
hat die Qual" ist hier so zu verstehen, daß, wenn die Berlinerin
die Wahl hat, die Qual sich ganz auf der Seite des Commis befindet, von
dem sie bedient wird.
Die Berlinerin geht in ein Modewaaren-Magazin, wie der Berliner in den
Club geht: zur Erholung. Diese Erholung besteht aber in rastlosen Anstrengungen,
während der Mann sich natürlich in einem dolce far niente erholt.
Aber die Arbeit, die Commis zu peinigen, ist ihre Erholung. Ihre Herrschaft
über den Gatten und über das Dienstmädchen bereiten ihr
große Anstrengungen und ist auch ein höchst undankbarer Zeitvertreib.
Denn der Gatte wagt doch dann und wann ein gesinnungstüchtige Opposition,
und das Dienstmädchen rächt sich durch Einreichung ihrer Demission
und durch allerlei chikaneuse Einfälle, die bis zum Austritt dauern
und sich bis zur plötzlichen Verlobung mit einer halben Compagnie
Infanterie aus der nächsten Caserne steigern, wodurch Küche und
Hausflur zu Schauplätzen zügelloser Zärtlichkeiten werden.
Der Commis des Modewaaren-Magazins dagegen ist völlig waffenlos gegen
eine tyrannische Berlinerin. Er muß immer lächeln, und wenn
sein Herz verblutet unter den Nadelstichen ihrer Unschlüssigkeit,
wenn es sich zu Tode zuckt auf der Folter ihrer Laune, er muß lächeln.
Krampfhaft ballt sich seine Faust unter dem Stoff, den er der Dame entgegenhält,
ein Fluch zittert in seiner Seele, während er "Gnädige Frau!"
sagt, aber er lächelt. Sie bewundert eine blaue Robe, aber plötzlich
wünscht sie dieselbe in einer Farbe, welche die Chemie nicht kennt,
weil noch keine Mischung eine solche entstehen ließ, -- er lächelt,
er ist höflich, er verbeugt sich, er ist zärtlich. Blasirter
Akiba, ist schon einmal ein verzweifelnder Modewaaren-Commis dagewesen?
Nein, hochwürdiger Rabbi!
Wer aber hat mehr Grund zu verzweifeln als ein Modewaaren-Commis?
Niemand, geehrter Leser!
Wenn eine Berlinerin in den Laden tritt und sagt: "Bitte, wollen Sie
mir die neuesten Seidenkleider zeigen", so kann man zehn gegen eins wetten,
daß sie für ihre Köchin eine Schürze von Kattun kaufen
will. Wenn sie sich aber Kattun vorlegen läßt, dann geht sie
vielleicht mit dem Auftrag fort, ihr ein Dutzend indischer Shawls zur Auswahl
in's Haus zu schicken.
Ich habe diese merkwürdige Leidenschaft der Berlinerinnen, Modemagazine
auf den Kopf zu stellen und deren Commis zu martern, näher betrachtet
als mancher meiner geschätzten Leser, aber ohne Erfolg. Ich habe mich
endlich mit einigen mir befreundeten Commis in Verbindung gesetzt, und
aus manchen Andeutungen führe ich das Räthsel, das uns vorliegt,
auf die Commis überhaupt, und von diesen auf das Kapitel der Seelenwanderung
zurück, welche ich bis dahin geleugnet, ja verlacht hatte. In den
Modewaaren-Commis stecken nämlich Seelen verstorbener Frauenmörder,
ungetreuer Gatten, Mädchenverführer, Blaubärte und anderer
Bösewichter, welche nun endlich hinter Ladentischen ihre gerechte
Strafe finden und zwar durch dasjenige Geschlecht, an dem sie gesündigt
haben. Man wird auch in den Modewaaren-Commis bei einiger Aufmerksamkeit
einen deutlichen Hang zum Courmachen entdecken, welcher sich dadurch documentirt,
daß sie in freien Momenten an das Ladenfenster treten, um die vor
demselben stehenden Bürgerinnen milde anzublicken, indem sie die in
ihren Schnurrbärten befindliche Pommade hongroise verarbeiten, oder
andere Verführungskünste anwenden. Diese sind nichts als Aeußerungen
der in sie gefahrenen, verurtheilten Seelen, das Wachwerden des alten Adam,
der jetzt in ihnen als Aftermiether wohnt und seine bösen Streiche
macht. Diese Seelen nun werden täglich einige Stunden furchtbar gefoltert,
indem die Nachkommen der durch sie beschädigten Frauen und Mädchen
erscheinen, um das hübsch arrangirte Lager in Verwirrung zu versetzen,
sich Pröbchen von allen Kleiderstoffen abschneiden zu lassen und nichts
zu kaufen, oder doch nur erst nach übermenschlichen Anstrengungen.
Etablirt sich ein solcher Commis selbstständig, so ist dies ein Beweis
dafür, daß seine Seele geläutert ist, genug gelitten hat
und nur noch einer gründlichen Nachkur bedarf, um endlich Ruhe zu
finden.
So wunderbar sind die Wege der Vorsehung!