Julius Stettenheim (1831-1916)


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Recht viel Pech

wünsche ich Ihnen zum neuen Jahre.

Eine wenigstens originelle Punsch-Rede.


 

Geehrte weibliche, männliche und kindische Mitmenschen!

Noch 10 Minuten, und die Zeit, diese unnachsichtige Riffpiratin unserer Jugend, unserer dunklen Haare, unserer Gesichtsglätte, unseres Leichtsinns und unserer Liebenswürdigkeit, preßt abermals ein Jahr in die ungeheuere Terrine, welche man Vergangenheit, Ewigkeit nennt.

Ich gebe 10,000 Bowlen Punsch Demjenigen, der mir beweist, daß es besser sei, sich Glück, als Unglück zu wünschen. Im Gegentheil, möchte ich in allen lebenden, todten und sterbenden Sprachen behaupten, daß, da die Wünsche so selten oder gar nicht in Erfüllung gehen, es viel vernünftiger wäre, man wünschte sich Unglück, Miseren, Unangenehmes. Pech!

Sie sitzen entsetzt? Sie stellen sich entstellt? Sie spitzen Ihre Ohren zu Dolchen? Hören Sie mich an.

Man sollte meinen, es könne gar nichts anderes folgen, als ein glückliches, angenehmes, freudenvolles Jahr, wenn jeder Mensch, der einem am 31. December oder am 1. Januar begegnet und der uns vielleicht einmal im Leben gekannt, sich mit uns gestritten, geküßt, betrunken, uns mehrere unfrankirte Briefe geschrieben, die Stiefel geputzt oder mehrere Dutzend starker, halbstarker oder leichter Cigarren verkauft hat, unsere Hand für vogelfrei erklärt, sie hinterrücks packt, schüttelt, daß alle zarten Knochen darin knacken, und uns dabei die gröbsten Gratulationen und Glückwünsche ins Gesicht sagt, ich meine, man müßte meinen: Nun muß es ja ein famoses Jahr geben!

Ach, weit gefehlt! Ist denn nicht jedem Menschen ungezählte (aber nicht immer ungezahlte) Male Glück gewünscht, der trotzdem sich im Laufe des Jahres verheirathete, oder verlobte, der stolperte, einen reichen Onkel beerben wollte, welcher aber am Ende des Jahres noch in voller Blüthe der Gesundheit lebte, bestohlen wurde, bei einem zärtlichen tete-à-tete überrascht worden, schlechte Geschäfte machte, Geld verlor auf dem Grünen des Billards oder des Rouletts, der den Advokaten und Arzt auf die Tasche und den Hals bekam, vor Tisch sich die Pastrana ansah, ein Verhältniß mit einer Tänzerin einging, krank, oder Armenvorsteher wurde, Kinder, Proteste, Hühneraugen, Prozesse bekam?

Sie meine Geehrten, frage ich: Kann, da also ein Glückwunsch durchaus nichts nützt, ein Wunsch schaden, welcher lautet: Zum neuen Jahre wünsche ich Ihnen recht viel Pech?

Die Sylvesternacht sieht ja doch die Wünsche nicht erfüllt, welche uns in Erfüllung gehen sollten. Denn nur beim Punsch haben wir freie Presse, nur bei den Gläsern Leerfreiheit, nur für Wasser, Zucker und Rum haben wir freies Versammlungsrecht, nur beim Abendessen freie Wahl des Gerichts, und nur in unserer hoffentlich bald anbrechenden Trunkenheit fällt der Unterschied der Stände. Noch einmal also: Zum neuen Jahre wünsche ich Ihnen recht viel Pech!

Ja, meine seligen Sylvesternachwächter, auf meinen Stuhl und meine langjährigen Erfahrungen gestützt, hebe ich mit diesem vollen, dampfenden Glase den herkömmlichen Gebrauch des Glückwunsches auf und hoffe, mit Ihnen auf recht viel Pech anstoßend, nicht das Pech zu haben, Anstoß zu erregen. Haben wir Pech, so hätte mein Glückwunsch ohnehin nichts daran geändert, und haben wir Glück, so habe ich gewiß Recht und das Neue hat sich bewährt.

Also auf Pech! Schwören wir nicht mehr auf Ehre, auf Jockey, auf Taille, auf Pastrana, auf Prinz Colibri, auf Vampyr, auf Fiammina, auf Pepita, sondern auf Pech. Dann ärgern Sie sich auch nicht, wenn Sie, wie gewöhnlich, am Ende des Jahres sagen: Ich bin und bleibe doch ein Pechvogel.

Hören Sie, wie die Uhr, welche, wie alle weiblichen Wesen nicht schweigen kann, das große, ihr anvertraute Geheimniß des Jahreswechsels ausplaudert! Lehren Sie Ihr Glas die Kunst, es mit einem Zuge zu leeren und sein Sie zufrieden mit meinem gutgemeinten: Zum neuen Jahre wünsche ich Ihnen recht viel Pech!

Wenn Ihnen meine Rede weniger mundete, als der Punsch, so hätte ich allerdings von uns Allen -- das erste Pech im Jahre 1858!