Julius Stettenheim (1831-1916)


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Moderne Gretchen

 
I.
(Im Gesellschaftshaus.)
  
Er.
Mein schönes Fräulein, darf ich's wagen,
Was Sie am liebsten trinken zu fragen?
Sie.
Ohne Seidel Bairisch, frisch und schön,
Kann ich nicht ruhig zu Bette gehn.
 
 
II.
 
Sie
(sich unter den Linden nach einem Herrn umsehend).

 
Ich gäb' was drum, wenn ich nur wüßt',
Wer jener Kerl gewesen ist,
Er sah so übel gar nicht aus,
Scheint aus 'nem Modewaarenhaus,
Das kann man ihm an der Stirne lesen, --
Der wär' so was für mich gewesen!
 
 

III.
(Im Delicateß-Keller.)
 
Er.
Was haben Sie für eine hübsche Hand.
Darum ein Küßchen drauf, ich bin galant.
(Er küßt ihre Hand.)
Sie.
Ach was, die hand! Man muß die Lippen küssen,
Doch apropos, sonst, Bester, gute Nacht.
Sie werden gleich mir Handschuh kaufen müssen,
Ich trag' am liebsten lilla Nummer acht.
 
 
 
IV.
(In der Hausthür.)
 
Er.
Sie sind wohl viel allein?
Sie.
Ja, unsre Wirthschaft ist nicht klein,
Und da sie muß versehen sein,
Ist Mutter unsre Magd, muß kochen, fegen, stricken
Und näh'n und laufen früh und spat,
Denn, wissen Sie, ich bin in allen Stücken
So accurat,
Auf welche Weise man denn freie Stunden hat.
 
 
V.
(Vor Gerson's Laden.)
 
Sie.
Versprich mir, Heinrich --
Er.
Was ich kann!
Sie.
Nun denn, ich bin verliebt in jenes Umschlagtuch,
Du bist ein herzlich guter Mann,
Und kaufen wirst Du's, weil ich's gerne trug.
Er.
Nun ja, ich thu's und haben sollst Du's bald,
Für mein Verhältniß opfr' ich mein Gehalt,
Und kauf Dir gerne Tücher, Kleider, Hauben.
(geht in den Laden).
Sie.
So ist es recht, er muß dran glauben!
 
 
VI.
(Besuch kommend.)
 
Sie.
Ein Bischen frische Luft kann heut' nicht schaden.
Er.
Ich wollte grad' Dich ein nach Potsdam laden.
Sie.
Seh ich Dich, bester Mann, nur an,
Weiß nicht, was mich mit Dir zu gehen, treibt, --
Ich sah 'nen Shawl heut, ach, mit Frangen dran,
Der ganz gewiß nicht lang' mehr hängen bleibt.